Wer weiß was über uns und kann dieses Wissen wie nutzen? Transparenz in Zeiten digitaler Durchdringung unseres Alltags ist kein abwegiges Netzthema, sondern betrifft uns alle auf dem Sprung zum total gläsernen Bürger. Wer das nicht glaubt, versuche einmal, mit Wohnort Berlin-Wedding etwas auf Rechnung zu bestellen.
Am 7. Juni 2012 platzt eine Bombe in den Medien: Die Schufa plant, Daten aus sozialen Netzwerken zur Beurteilung der Bonität zu nutzen. Entsprechend groß ist die Aufregung (siehe dazu ausgewählte Tweets in diesem Artikel). Nachdem sich das Thema inzwischen etwas abgekühlt hat, nehmen wir es als Anlass für einen Beitrag zur Bedeutung von Datentransparenz und neuen Medien. Auch aus Sicht einer Bank stellen sich hier wichtige Fragen und Problemfelder.
#Schufa testet, wie sie Daten aus soz. Netzwerken auslesen kann. Datenschützer sind entsetzt. taz.de/Forschungsproj… #schufacebook
— taz (@tazgezwitscher) Juni 7, 2012
Dieser Beitrag soll Ihnen helfen, zwischen den beiden Extremen Unterschätzen und Hyperventilieren zu navigieren. Denn das Thema Datensicherheit in Zeiten neuer Medien und Technologien betrifft jeden. Es geht um elementare Persönlichkeitsrechte und drastische Auswirkungen auf jeden einzelnen Bürger – ob online oder offline.
Neue Medien heißt in diesem Fall, dass sich die technologischen Entwicklungen so drastisch beschleunigen, dass unser Rechtssystem mit weitem Abstand hinterherhinkt. In gewisser Weise befinden wir uns aktuell in einer Art Wilder Westen, in dem ein Faustrecht schneller ist als sich unser Rechtssystem den neuen Gegebenheiten anpassen kann. Um das besser einschätzen zu können, zunächst ein Wort zu den gebräuchlichsten Missverständnissen.
Irrtum 1: “Ach, das betrifft nur Onliner …”
Keineswegs. Es handelt sich hier nicht um einen abwegigen Nebenkriegsschauplatz irgendwelcher Computer-Nerds, sondern um eine Entwicklung aus der realen, analogen Welt. Millionen Menschen im Land haben zum Beispiel Kundenkarten von Payback und anderen. Das Geschäftsmodell lautet: Preisnachlass gegen Datenpreisgabe. Facebook funktioniert genau so: Kostenlose Nutzung gegen Daten.
“Sorry, ich muss Dich bei Facebook kicken – bist schlecht für meine Schufa.”
— Perry Ode (@SuperMarki) Juni 7, 2012
Payback, Facebook und andere lassen es sich also etwas kosten, unsere Daten einzusammeln. Und wenn jemand für unsere Daten bezahlt, dann müssen sie auch einen Wert haben. Egal ob im Internet, an der Tankstelle oder am Telefon: Wer kennt nicht die lästigen Werbeanrufe und die sich aufdrängende Frage, über welche Kanäle man denn zur dieser Ehre kommt.
Irrtum 2: “Mit Bildern von meinem Mittagessen bei Facebook kann keiner was anfangen.”
Viele Nutzer sozialer Medien meinen, mit ihren harmlosen Späßen oder alltäglichen Beiträgen im Freundeskreis können Facebook & Co. nichts anfangen. Damit unterschätzt man die Algorithmen der großen Datensammler erheblich. Selbst die vermeintlich unbedeutendsten Meldungen addieren sich zu einem auslesbaren Profil. Wie sonst könnte Ihnen zum Beispiel Facebook personalisierte Werbung präsentieren?
Kein Schritt ohne Fußabdruck
Tatsächlich hinterlassen wir alle immer mehr Spuren in der digitalen wie in der analogen Welt. Sei es dass wir die Kundenkarte zum Punktesammeln nutzen, mit dem Handy telefonieren, im Internet eine Seite aufrufen oder in einer Fußgängerzone videoüberwacht werden. Diese Spuren werden zu Datensätzen gesammelt, gebündelt und gewerblich genutzt.
Das führt uns zum Beispiel Schufa. Geschäftsgrundlage der Auskunftei sind selbstverständlich Daten, mit denen die Bonität von Verbrauchern bewertet wird. Das betrifft nicht nur Kredite von Banken. Auch im Einzelhandel, beim Mobilfunk- oder Mietvertrag und vielen anderen Bereichen des Alltags kommen die Schufa oder ihre Wettbewerber ins Spiel.
Ich find das mit der #Schufa gar nicht so schlimm. Bitte kreuzigen Sie mich. germanpsycho.wordpress.com/2012/06/07/der… (Blogartikel)
— germanpsycho (@germanpsycho) Juni 7, 2012
Prinzipiell leisten solche Auskunfteien einen wertvollen Beitrag zu unserer Wirtschaft. Im Bankbereich reduzieren Bonitätsprüfungen das Risiko von Kreditausfällen, was letztlich der Allgemeinheit zugute kommt. Versandhändler müssten ohne Datengrundlage deutlich höhere Zahlungsausfälle verbuchen, was wiederum zu höheren Preisen für ihre Produkte führen würde, die alle Verbraucher bezahlen müssten. Auskunfteien wie die Schufa sind also eine wichtige Komponente einer funktionierenden Marktwirtschaft. Warum kam es also kürzlich zur großen Medienwelle um die Schufa?
Mit totaler Transparenz auf dem Weg zum Big Brother?
Am 7. Juni war also die Aufregung groß. Was war passiert? Es wurde publik, dass die Schufa und das renommierte Hasso-Plattner-Institut (HPI) Forschungen zur Datenerhebung in sozialen Netzwerken planen. Ziel der Schufa ist es laut Pressemitteilung, “langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland (zu) sichern”.
Das heißt im Klartext: Der im Internet gläserne Bürger würde jetzt so transparent, dass seine privaten Daten und Aktivitäten bei Facebook, Twitter & Co. direkt in die Bewertung seiner Bonität einfließen. Entsprechend groß war die Empörung. Sämtliche Zeitungen brachten das Thema in Artikeln und Kommentaren, hunderte Beiträge spülten Twitterer in die Timeline und so weiter.
Aber statt aus der ersten Erregung heraus den Verstand ab- und dafür den Panik-Modus einzuschalten, empfehlen wir auch für die Zukunft: Kühlen Kopf bewahren und sich die Sachlage erst einmal in Ruhe anschauen!
In diesem Fall veröffentlichte der NDR zwar vertrauliche Unterlagen über die Methoden der geplanten Schufa-Datensammlung, die wie Öl im Feuer der medialen Aufmerksamkeit wirkten. Tatsächlich waren zum Beispiel Tarn-Profile avisiert, die sich in sozialen Netzwerken mit anderen befreunden nur zum Zweck des Datensaugens.
Schuldig im Sinne des Reiz-Reaktionsschemas
Aber im ersten Eifer des Gefechts wurde nicht beachtet, dass die Schufa und ihr Partner, das Hasso-Plattner-Institut (HPI), das Projekt als Forschungsvorhaben planten, dessen Ergebnisse man transparent halten und der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte.
Und einen Tag nach der großen Medienwelle war der Spuk auch schon wieder vorbei. Das HPI kündigte der Schufa die Zusammenarbeit mit der Begründung, dass man aufgrund der Missverständnisse in der Öffentlichkeit ein solches wissenschaftliches Projekt nicht mit der nötigen Ruhe durchführen könne.
Wir maßen uns nicht an, diesen Einzelfall zu bewerten. Wir möchten aber anhand dieses Beispiels aufzeigen, welch ungeheurer Sprengstoff grundsätzlich in diesem Thema steckt. Es geht weit über rein ökonomische Belange hinaus.
Schufa-Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, dass die Teile für die neue Welt da sind, wir aber nicht wissen, wie sie aussehen wird.
— Christopher Lauer (@Schmidtlepp) Juni 7, 2012
Denn letztlich spielt es gar keine Rolle, ob nun konkret die Schufa tatsächlich diese Grenzen überschreiten will oder das Projekt storniert. Entscheidend ist, dass es die Möglichkeiten gibt und sie früher oder später auch jemand einsetzen will, falls das nicht ohnehin schon passiert. Was die Schufa heute unterlässt, unternimmt morgen vielleicht ein Wettbewerber. Auch Facebook, Google & Co. wissen sicher mehr über die Bonität von uns Verbrauchern, als wir uns vorstellen können.
Wie stellt sich das aus Sicht der Bank dar?
Natürlich könnte man der gesamten Wirtschaft attestieren, dass der total transparente Bürger im Prinzip in ihrem Interesse wäre. Wenn man also bei Vertragsabschlüssen, Bestellungen und bargeldlosen Einkäufen oder Kreditvergaben dem Kunden mittels Auskunftei quasi direkt in den Geldbeutel blicken könnte und mittels Social-Media-Anbindung sogar noch umfassend über dessen Privatleben und Freundeskreis informiert wäre. Das Kreditausfallrisiko ließe sich weiter senken, was wiederum der Allgemeinheit zugute käme.
Trotzdem wird uns persönlich dabei etwas unwohl zu Mute. Wirtschaftliche Interessen kollidieren hier mit ethischen Prinzipien. Auch wir bei der Berliner Volksbank sind ja selbst Kunden oder Verbraucher und nicht zuletzt Menschen mit einem Privatleben, das wir vor unbefugtem und unbekanntem Zugriff geschützt wissen wollen. Die Frage lautet, wie weit der so oft beschworene gläserne Bürger wirklich wird oder schon real geworden ist.
Wie transparent Individuen werden können, zeigt eine Entwicklung aus den Vereinigten Staaten. Dort ist es inzwischen möglich, dass die Bewerbung für einen Job abgelehnt wird, weil der “Klout Score” des Bewerbers zu niedrig ist.
Kennen Sie eigentlich Ihren “Klout Score”?
Eine Fluglinie gewährt Zutritt zur VIP-Lounge. Ein Hotel spendiert kostenlose Updates auf luxuriösere Zimmer. Oder eine Job-Bewerbung wird abgelehnt. Dieses sind nur einige Beispiele für die Folgen des Klout Scores, den ein amerikanisches Start-up entwickelt hat. Es handelt sich um einen Algorithmus, der die Social-Media-Reputation misst. Dieses Szenario klingt nach düsterem Sci-Fi-Stoff, ist aber längst Realität.
Aus dem sozialen Leben wird eine knallharte, bezifferbare Währung, deren Gewicht durchaus mit echtem Geld oder echter sozialer Reputation vergleichbar ist. Das heißt, wie die Berliner Zeitung treffend titelte: “wie eine Schufa fürs Netz” – mit gravierenden Folgen. In den USA wurde der Klout Score inzwischen wiederholt als Einstellungskriterium herangezogen.
Ist das eine schöne neue Welt der Transparenz oder der Weg in eine brutal übertransparente Zukunft mit Big-Brother-Algorithmen, die extremen Einfluss auf unser Leben ausüben, ohne dass wir sie beeinflussen könnten? Diese Frage bleibt vorerst stehen – als eine der Kernfragen unserer Zeit und unserer Zivilgesellschaft auf dem Weg in die durchdigitalisierte Zukunft.
Die Schufa-Welle Anfang Juni 2012 jedenfalls – gestartet wie ein Tsunami und am Tag darauf schon vollflächig versandet und vergessen – war nur eines von vielen Beispielen. Der nächste große Aufreger kommt bestimmt.
Hier eine Auswahl lesenswerter Beiträge:
- Der Bericht vom NDR, der die Medienwelle ins Rollen brachte:
http://www.ndr.de/ratgeber/netzwelt/schufa115.html - Die berechtigte Frage nach einer Grundsatzdebatte in der FAZ:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/schufa-facebook-kredit-auf-daten-11779657.html - Und eine sehr aufschlussreiche, grundsätzliche Antwort darauf:
http://www.ctrl-verlust.net/schufa-facebook-und-die-plattformneutralitat/ - Eine gute Übersicht über das Thema in der SZ:
http://www.sueddeutsche.de/digital/versuchte-facebook-twitter-analysen-was-uns-die-schnueffel-schufa-lehrt-1.1376581 - Ein Beitrag der Berliner Zeitung über den “Klout Score”:
http://www.berliner-zeitung.de/medien/facebook–twitter-und-co–eine-schufa-fuers-netz,10809188,16099732.html - t3n: Was die Schufa plante, machen jetzt andere:
http://t3n.de/news/startup-macht-schufa-plante-394419/ - Spiegel Online: Ein Plädoyer für eine neue Wirtschaftsethik von Sascha Lobo:
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-die-schufa-und-der-krieg-a-838324.html - Und zum Schluss noch eine Satire aus “Der Postillon”:
http://www.der-postillon.com/2012/06/ratgeber-so-wirkt-sich-ihr-verhalten.html
Alle Beiträge dieser Serie
- Daten-Alarm 2.0 (14. Juni 2012)
- Ihre Daten bei der Schufa (1. März 2011)
- Wer erhält eine Schufa-Auskunft? (31. Januar 2011)
- Was weiß die Schufa über Sie? (17. Januar 2011)
Gustavo Reich schreibt:
Dazu: Schufa, Facebook und die Plattformneutralität
http://www.ctrl-verlust.net/schufa-facebook-und-die-plattformneutralitat/
Gruß
Daniel Klappert schreibt:
Vielen Dank für Ihren Kommentar.
Den genannten Artikel haben wir bereits als weiterführenden Link aufgeführt.