
Als ich mir hektisch meine Tasche greife und mich mit einem flüchtigen „Ich bin dann mal weg“ von meinen Kollegen verabschiede, fluche ich innerlich. Mal wieder habe ich kein Ende gefunden und kann mich schon jetzt auf eine nervöse Bahnfahrt einstellen.
Manchmal frage ich mich, warum ich fortwährend auf die Uhr schaue, wenn ich zu spät dran bin. Vermutlich geht es darum, die Ausmaße der Verspätung abzuschätzen. Ändern wird sich die voranschreitende Zeit dadurch nicht. Was auch immer der unterbewusste Auslöser ist, ich teile dieses Verhalten offensichtlich mit vielen Mitverspäteten und es hat zur Folge, dass ich nicht wie geplant entspannt und souverän, sondern außer Atem und fahrig an meinem Ziel eintreffe.
Entspannen im Unternehmeralltag
Ja, so ist es. Mein Ziel ist ein Seminar der UnternehmerAkademie der Berliner Volksbank mit dem Titel „Entspannung im Unternehmeralltag“.
Als klassische Angestellte gehöre ich zu den wenigen Ausnahmen an diesem Tag. „Stress kann schließlich jeden treffen“, denke ich mir und stöbere in der bereitgestellten Auslese einer bekannten dänischen Keksmanufaktur, während wir auf die restlichen Teilnehmer warten. Als ich merke, dass ich kurz davor bin, bei der Auswahl eines Kekses in Stress zu geraten, nehme ich mir beschämt den nächstbesten und setze mich unauffällig auf meinen Stuhl. Nun gut, so unauffällig, wie es so ein Krümelkeks nun mal zulässt.
Langsam füllt sich der Teilnehmerkreis und das Seminar geht in die erste Runde. Ich frage mich, ob der Dozent das Gelehrte auch selbst anwendet, denn besonders entspannt wirkt er nicht. Im Gegensatz zu den anwesenden Teilnehmern, von denen ich in Anbetracht des gebuchten Seminars mehr Stressauffälligkeiten erwartet hatte. Keine nervösen Flecken im Gesicht, keine abgekauten Fingernägel, keine unruhigen Kettenraucher. Eine gelöste und sympathische Runde humorvoller Unternehmer und Unternehmerinnen.
Boris Kollek, Diplom-Psychologe und Gründer der Personal- und Organisationsberatung TransferTeam, wird uns heute hoffentlich beibringen, selbst in stressigen Situationen die Ruhe zu bewahren. Zunächst werden die wichtigsten „Spielregeln“ des heutigen Tages geklärt. Von besonderer Bedeutung ist eine Regel, die uns als Randnotiz den ganzen Tag begleiten wird: Die Vertraulichkeit! Damit das Seminar nicht zum Rätselraten wird, werden wir heute offen und ehrlich sein. Da das durchaus sehr persönlich werden kann, stellt die Regel der Vertraulichkeit die Basis des Seminars dar.
Das sehe ich genauso wie die übrigen Teilnehmer, dennoch fühle ich mich unbehaglich, denn aus einer vorangegangenen Vorstellungsrunde war hervorgegangen, warum ich in erster Linie hier sitze. Während ich mich unter den misstrauischen Blicken derer winde, die wohl befürchten, ich würde meine anschließende Berichterstattung eventuell doch in private Details vertiefen, merke ich, wie unser werter Dozent mit jedem Wort lockerer wird und an Stimme gewinnt. Er ist in seinem Element.
Die Reise ins Stressland
Für die kommenden fünf Stunden wird der Dozent uns auf eine Reise mitnehmen. Ich werde die unterschiedlichen Dimensionen von Stress kennenlernen und feststellen, dass der Stress eines Unternehmers, dessen Existenz von seinem Gelingen abhängt, nicht vergleichbar mit dem meinen ist. Wir erfahren, wie sich Stress bemerkbar macht, dass die Symptome sich mit der typischen Angstreaktion decken und dass durch die Tücken des Gehirns gefühlter Stress manchmal zu gelebter Angst mutiert. Kein Wunder also, wenn der gestresste Vielflieger plötzlich unter Flugangst leidet. Gemeinsam gehen wir unseren Stressursachen auf den Grund, analysieren diese und lernen die sechs Ws kennen.
Die sechs Ws auf dem Weg zur Erkenntnis
Um den Stress effektiv zu bekämpfen, ist es wichtig, ihn sich vorab in allen Einzelheiten bewusst zu machen und zu betrachten. Ähnlich wie bei der Kriegsführung, bei der das feindliche Lager zuerst ausgekundschaftet wird, ehe man zum Angriff übergeht. Die sechs Ws helfen dabei, so konkret wie möglich vorzugehen.
- Was ist genau passiert?
- Wann genau ist es passiert?
- Wo genau ist es passiert?
- Wer ist daran beteiligt (direkt/indirekt)?
- Wie passiert es genau?
- Warum passiert es?
Dinge, die stresslösend wirken und uns zur Ruhe kommen lassen
Jetzt gilt es, den Feind zu bekämpfen oder sich gar mit ihm anzufreunden. Für welche Variante man sich auch entscheidet, wichtig ist dabei, herauszufinden, was einem persönlich gut tut. Dinge, die stresslösend wirken und uns zur Ruhe kommen lassen, fallen uns schnell ein. Für den einen ist es ganz schlicht das Gläschen Wein mit Freunden, für die Dame zu meiner Linken ist es ein gutes Buch oder klassische Musik … Vielfältig sind sie, die Vorlieben, doch zählen sie beinahe alle in die Rubrik der Dinge, für die wir uns zu selten Zeit nehmen. Wir wissen, was uns hilft, wenden es aber nicht an. Keine Zeit!
Sind wir nicht alle ein bisschen Holzfäller?
Das erinnert an die Geschichte vom Holzfäller, der sich mit einer stumpfen Axt abmüht, einen Wald abzuholzen. Auf den Vorschlag eines Wanderers, seine Axt zu schärfen, reagiert er gereizt: “Sehen Sie denn nicht, dass ich keine Zeit habe, meine Axt zu schärfen?!“ Er übersieht, dass er anschließend wesentlich effektiver und schneller arbeiten könnte.
Wenn PR zur Entspannung wird
Grundsätzlich kennen wir bereits die Antworten auf unsere Fragen. Wir haben sie nur vergessen oder verdrängt. Der alltäglich Stress nimmt uns manchmal so sehr ein, dass wir vergessen, was uns hilft. Oder wir nehmen uns einfach nicht die Zeit dafür.
Zugegebenermaßen lässt sich nicht jede Entspannungsaktivität an Ort und Stelle realisieren, aber auch daran hat unser Dozent gedacht. So kommen wir in den Genuss diverser Entspannungstechniken, die sich in kurzer oder in langer Version in beinahe jeder erdenklichen Situation anwenden lassen. Eine Erste-Hilfe-Technik als Sofortmaßnahme ist auch dabei. Je nach Durchführung ist ein tolerantes Umfeld von Vorteil
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Selbst die erfahrenen Entspannungsfinder in unserer Runde lernen hier neue Möglichkeiten kennen. Oder haben Sie es schon mal mit PMR (auch: PR) versucht? Wer hier an Öffentlichkeitsarbeit denkt, liegt falsch! Es handelt sich um eine Technik, bei der mithilfe von An- und Entspannung der einzelnen Muskelgruppen ein Zustand tiefer Entspannung herbeigeführt wird. Vor allem für die, denen bekannte Meditationsmethoden nicht zusagen, ist PMR eine tolle Alternative.
Die Erkenntnis
Als wir uns an diesem Abend in die eisige Kälte Berlins begeben, schweben sie über uns. Die wärmenden Pläne, die wir nun schmieden, um langgehegte Vorhaben endlich umzusetzen. Einfach mal die dicke Staubschicht auf der Gitarre entfernen und wieder losschrammeln – wie in alten Zeiten. Oder vielleicht heute Abend endlich den dicken Wälzer anlesen, der uns schon so lange aus dem Bücherregal entgegenlacht. Die Frage ist nur, wie lange wir es nun schaffen, auf unsere innere Stimme zu hören …
Bin ich nun schlauer? Vermutlich ja, aber nicht wesentlich, denn irgendwo hat man dann doch schon so vieles gehört. Aber darum geht es auch nicht. Das Rad muss schließlich nicht neu erfunden werden. Heute hatte ich die Chance, gemeinsam mit 14 interessierten durchschnittsgestressen Teilnehmern, Wissen aufzupolieren, zu erweitern und vor allem in leicht verdaulichen Häppchen aufzusaugen. Manchmal ist es genau das, was fehlt: Der nötige Anstoß! Auch wenn wir nach wie vor auf DAS PATENTREZEPT warten, ohne unser eigenes Zutun werden wir den ungesunden Stress in unserem Leben nicht bekämpfen.
Eines habe ich in jedem Falle gelernt: Stress hat viele Gesichter. Mal positiv, mal negativ, begegnet uns Stress permanent. Mit dem erlernten Bewusstsein habe ich nun die Zügel in der Hand und bin nicht mehr stressbestimmt. Das ist ein gutes Gefühl. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, diese Erfahrung weiterzugeben und dem Thema einen ganz eigenen Auftritt zu widmen. Ob das nun zu meinen ausgleichenden Vorhaben der Stressbewältigung zählt, bleibt der Phantasie des Einzelnen überlassen.
Ich für meinen Teil bin schon gespannt, welche Erkenntnisse das nächste Seminar der UnternehmerAkademie mit sich bringt …